Sieg und Frieden: Manfred Moser im Musil-Haus

Lesung von Manfred Moser im Musilhaus. Foto: Dag Travner

Anfang Mai las Manfred Moser aus seinem aktuellen Manuskript Sieg und Frieden (Arbeitstitel) – dabei plauderte er aus dem Nähkästchen und verriet einiges über sein neues Buchprojekt.
Dieser noch unvollendete Roman (der in gewisser Weise immer unvollendet bleiben wird, und nur durch eine mathematische List, einem Aufrunden des unendlich Kleinen, fertiggestellt werden kann – siehe weiter unten) kreist um das Thema der ebenfalls nie endenwollenden Suche nach dem „Original“ (welches wohl gar nicht existiert).
In dem auf vielen Ebenen komplex aufgebauten Text geht es um das verlorene Nibelungen Manuskript und um einen bunt zusammengewürftelten Haufen von Personen, die alle auf der Suche nach dem „echten“ Original sind. Diese Rahmenhandlung, angesiedelt im 20. Jahrhundert, behandelt die sehr postmoderne Thematik um Original, Decodierung und adäquate Übersetzung.

„Die Suche nach dem abgekürzten Text ist die andere Suche nach dem Original.“

Die Lage ist aussichtslos, denn im Mittelalter wurde wieder und wieder abgeschrieben, „das ganze Mittelalter ist de facto ein Plagiat“. Protagonist ist ein kluger „Ägypter“, ein Zeitungskolporteur, der eigentlich Sprachwissenschaft studiert hat. Er entdeckt, dass das fragliche Manuskript in einer mittelalterlichen Kurzschrift verfasst ist und versucht sie zu entziffern. Sein Gegenspieler, der „Sprachmann“, ist ebenfalls auf der Suche. Doch die Frage „Wer bin ich?“ ist ebensowenig zu lösen wie die Entschlüsselung der rätselhaften Kurzschrift. Zumal das Original verschollen ist. Ein Informatiker im “Zentrum für spirituelle Fortbildung“ entwirft „die sprechende Schreibmaschine“, die aber auch nicht zum gewünschten Ziel führt.

Doch worum dreht sich der Konflikt auf der Ebene des Mittelalters? Unter anderem um den wohlbekannten Streit zwischen Krimhild und Brunhild vor dem Münster zu Worms. Wem gebührt der Vortritt? Beide sind „hart und zornig gemurrt“. Sprich stinksauer. Die Demütigung bewegt sich in einer Endlosschleife. Erster und Erster, Zweiter und Zweiter, stellvertretend Siegfried und Gunther. Die Prozesse prozessieren selbsttätig.
Spielkarten mischen. Siegfried muss sterben. Eine Lösung scheint unmöglich. Außer man sprengt das Portal.

Lesung von Manfred Moser im Musilhaus. Foto: Dag Travner

„1/2 + 1/4 + 1/16 und… Das wird nie ein Ganzes. Ach Bub, du musst mehr glauben an den Rechengott.“

Die Struktur des Textes ist ausgeklügelt: Die Kapiteleinteilung beziehungsweise die Länge jedes Kapitels beträgt jeweils die Hälfte des vorhergehenden – das heißt der Text verliert sich in einer Indefinitesimalreihe der Unendlichkeit. Und wenn die Wirklichkeit nicht per se eine Unschärfe in sich trüge, so würde dieses Buch nie vollendet werden, sondern sich nur in minimalisienden Schritten dem sich ständig entziehenden Schluss annähern.

Manfred Moser kann seine Liebe zur Semiotik, formalen Strukturen und Sprachphilosophie in diesem Werk nicht leugnen. Der Autor jongliert souverän mit Wortbedeutungen und Sprachspielen. Der Text ist geistreich, anspruchsvoll und mit viel Witz geschrieben – immer wieder lacht das Publikum laut auf.

Der Autor gab uns an diesem Abend einen kurzweiligen Einblick in seine Kreativwerkstatt, seine Einfälle, Assoziationen und die Art, wie er Strukturen aufbaut, die ihn wiederum im Lauf der Niederschrift weiter inspirieren und weiter führen. Und damit gab er uns auch einen vielversprechenden Ausblick auf das fertige Buch!

Veranstaltet wurde die von Josef K. Uhl moderierte Lesung von der GAV-Kärnten.

(Blogbeitrag von Dagmar Travner)

Zum Autor: Manfred Moser, geboren 1943 in Wels/OÖ, lebt nun in Klagenfurt; er lehrte bis 2008 an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt Sprachphilosophie und Rhetorik. Er veröffentliche zahlreiche Bücher, u. a. „Ästhetik, Texte für den Unterricht“ (mit Thomas Macho und Christof Subik), „Alpen“ (hrsg. mit Tomas Hoke), „Schreiben ohne Ende. Letzte Texte zu Robert Musil. Essays“. Produktionen beinhalten u. a. „Mai 86. Philosophie auf der Bühne“ (mit Klaus Ratschiller), „Fluchten. Vom Verschwinden der sicheren Orte“ (mit Sandeep Bhagwati und UNIKUM) und „Echo“ (Istituto Italiano degli Studi Philosophici di Napoli und Academia, Venezia (mit Alberta Gaggl, Willy Gaube, Tomas Hoke, Sepp Mosshammer, Cathrin Pichler, Bruno Strobl u.a.).

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